Sichelschnitte (1992)

(Kurzprosa)
Soldi-Verlag Hamburg 1992
ISBN 3-928028-15-4



21 Texte:
Wölfe und Friedenstauben, roter Porsche vor fernen Kühen, ein Mann mit einem Beil, ein Senator, dem am 1. Mai das Gehirn zerstäubt, europäische Ahnungen und ein Mädchen mit grauen Augen.


Leseprobe: “Helfende Hände”

Ein kleiner Mann mit großen, braunen Augen vor einem Burschen, so groß wie keiner. Der haut dem Kleinen ins Gesicht. Links und rechts, links und rechts. Immer klatsch links, klatsch rechts, klatsch links, klatsch rechts …

Etliche kommen langsam näher, zaghaft einzugreifen, das Schlagen zu beenden. In der Gruppe ein Jurist, ein rechtsberatendes Werkzeug der Gerechtigkeit.

HALT! gebietet er. Nicht dem Schlagenden. Die Helferschar soll innehalten. Er verordnet ihnen eine Pause zum Nachdenken und Abwägen, inmitten des klatsch, klatsch, klatsch. Nichts überstürzen! Abgesehen von der Schuldfrage: Wer sagt denn, dass der Große weiterhin schlagen will? Wer kann dies mit Sicherheit behaupten, solange seine klatschende Hand das Gesicht des Kleinen nicht erreicht hat? Vielleicht will er wiedergutmachen und versöhnlich streicheln? Soll ihn gerade dann die Gegenwehr treffen?

Emotionalität, nur weil der Kleine jetzt die Arme so merkwürdig baumeln lässt, klatsch, klatsch, darf uns nicht manipulieren. Entscheidend ist allein die Millisekunde, in der aus dem Schwinger entweder ein Schlag oder eine kräftige Liebkosung wird. Die bisherigen Schläge? Darf man aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen? Soll der Große nicht auch seine Chance zur Umkehr bekommen? Wäre das Gerechtigkeit?

Die Abwägung des Schlagprofils erweist sich als schwierig, nimmt alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Klatsch – zu spät zum Eingreifen, klatsch – schon wieder zu spät.

Keine Voreiligkeit, warnt der Anwalt. Wir können dem Großen nicht zur Last legen, dass wir seine Bewegungen nicht präzise genug abschätzen können. Es ist unser Problem.

Klatsch links – zu spät, klatsch rechts – zu spät, klatsch, klatsch. Wieso hört er nicht auf? Der Anwalt ist eine Autorität. Glück für den Kleinen. Ach nein, jetzt knicken seine Beine nach vorn, seine braunen Augen sind weit offen, Blut rinnt ihm aus Mund und Nase. Wie eine Puppe fällt er in leichter Drehung nach vorn aufs Gesicht. Der Große wischt sich die Hände an der Hose ab.

Was ist? fragt er in die Runde.

Hat sich erledigt! sagen alle.

Wer ruft den Arzt? fragt der Anwalt.

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